Wenn im Februar die Lichter des Teatro Ariston angehen, hält Italien den Atem an. Das Festival di Sanremo ist mehr als ein Musikereignis – es ist ein Stück italienische Kultur, das seit über siebzig Jahren Menschen im ganzen Land verbindet. Fünf Abende lang wird Sanremo zum Mittelpunkt der Nation, und ganz Italien hört zu, streitet, jubelt und singt mit.

Wo alles begann

Die Geschichte des Festivals beginnt 1951. Italien war im Wiederaufbau, das Land suchte nach Optimismus und Identität. Im altehrwürdigen Casino von Sanremo hatten ein paar Radiomacher eine Idee: ein Wettbewerb, bei dem neue Lieder vorgestellt und prämiert werden sollten. Niemand ahnte damals, dass daraus die bekannteste Musikveranstaltung Italiens entstehen würde.

Vom Casino ins Teatro Ariston

In den 1970er-Jahren zog das Festival vom Casino in das Teatro Ariston, wo es bis heute stattfindet. Das Ariston ist ein eher kleines Theater, doch jedes Jahr verwandelt es sich in eine nationale Bühne, geschmückt mit Lichtern, Glanz und Kameras. Wer hier auftritt, weiss: Millionen Menschen schauen zu.

Auf den Strassen draussen drängen sich Fernsehteams, Fans und Reporter. Hotels sind ausgebucht, Schaufenster dekoriert, und selbst in den Bars läuft kein anderes Thema. Für ein paar Tage im Jahr ist Sanremo das Herz der italienischen Musik.

Die erste Gewinnerin hiess Nilla Pizzi, ihr Lied „Grazie dei fiori“ (Danke für die Blumen) wurde zum Sinnbild eines Neubeginns – und gab Sanremo seinen Beinahmen als „Stadt der Blumen“ zurück.

Geburtsort des Eurovision Song Contest

Wenige wissen, dass das Festival di Sanremo auch den Eurovision Song Contest inspiriert hat. Die Idee eines nationalen Musikwettbewerbs, der im Radio übertragen wird, stammte ursprünglich von hier. 1956 wurde dieses Konzept für Europa übernommen – und so wurde Sanremo indirekt zur Mutter aller europäischen Musikshows.

Stars, die in Sanremo gross wurden

Viele italienische Künstler, die heute internationale Namen sind, haben in Sanremo ihre Karriere gestartet.

  • Domenico Modugno gewann 1958 mit „Nel blu dipinto di blu“ – besser bekannt als „Volare“. Der Song wurde ein Welthit und steht sinnbildlich für Italiens musikalische Leichtigkeit.
  • Laura Pausini trat 1993 in der Newcomer-Kategorie auf – ihr Lied „La solitudine“ machte sie über Nacht berühmt. Heute füllt sie Stadien auf der ganzen Welt.
  • Eros Ramazzotti gewann 1984 mit „Terra promessa“ und wurde zum Popstar einer ganzen Generation.
  • Andrea Bocelli feierte 1994 mit „Il mare calmo della sera“ seinen Durchbruch – sein Auftritt gilt bis heute als einer der emotionalsten in der Geschichte des Festivals.
  • Gigliola Cinquetti siegte 1964 mit „Non ho l’età“ – ein Lied, das später auch beim Eurovision gewann.
  • Francesco Gabbani sorgte 2017 mit „Occidentali’s Karma“ für ein modernes, humorvolles Highlight, das in ganz Europa diskutiert wurde.

Eine Bühne für Emotionen

Sanremo ist kein Festival der schnellen Effekte. Es lebt von den Emotionen, von grossen Stimmen und Geschichten. Das Publikum liebt Balladen über Liebe, Sehnsucht und das Leben selbst. Doch jedes Jahr überraschen auch moderne Pop- und Rap-Künstler mit neuen Tönen.

In den letzten Jahren traten Musiker wie Mahmood („Soldi“, 2019) oder Måneskin („Zitti e buoni“, 2021) auf – beide gewannen später den Eurovision Song Contest. Damit hat Sanremo bewiesen, dass es nicht nur Tradition, sondern auch Zukunft ist.

Eine ganze Nation schaut zu

Während der Festivalwoche ist Sanremo überall: in Zeitungen, Talkshows, sozialen Medien, auf allen Radiosendern. Familien sitzen abends zusammen vor dem Fernseher, diskutieren über Lieder, Kleider und Juryentscheidungen.
Selbst Menschen, die sich sonst kaum für Musik interessieren, verfolgen das Spektakel – Sanremo ist Teil der italienischen Identität.

Moderatoren und Showmaster werden zu Symbolfiguren, die italienische Popkultur lebt in diesen Tagen auf allen Kanälen. Es ist ein nationales Ritual – charmant, manchmal chaotisch, aber immer voller Leidenschaft.

Zwischen Glanz und Geschichte

Wer Sanremo während des Festivals besucht, spürt eine besondere Energie. Die Stadt leuchtet, Musiker proben in Hotels, Fans warten vor dem Ariston auf Autogramme. Doch auch ausserhalb dieser Woche erinnert vieles an die Vergangenheit: das alte Casino, in dem alles begann, und kleine Gedenktafeln an Wänden, die an legendäre Auftritte erinnern.

Im Museum von Sanremo gibt es heute eine Ausstellung mit Fotos, Schallplatten und Bühnenkostümen – ein Stück Musikgeschichte, das man anfassen kann.

Warum das Festival bis heute lebt

Vielleicht liegt die Faszination von Sanremo darin, dass es sich treu bleibt. Es ist glamourös, aber nie völlig abgehoben. Es ist modern, ohne seine Wurzeln zu vergessen. Und vor allem: Es erzählt jedes Jahr aufs Neue von den Dingen, die Menschen überall bewegen – Liebe, Träume, Abschied, Hoffnung.

Für viele Italiener markiert das Festival den Jahresbeginn im kulturellen Kalender. Danach beginnt erst richtig das neue Jahr.

Ein Ort, der Musik atmet

Wer einmal während des Festivals in Sanremo war, vergisst es nicht. Man hört Musik aus offenen Fenstern, sieht Reporter auf Rollern, Sänger, die Interviews geben, und Fans mit Blumen in den Händen. Die Stadt scheint im Rhythmus der Lieder zu leben.

Am letzten Abend, wenn der Sieger bekanntgegeben wird und Konfetti vom Himmel fällt, spürt man: Das Festival di Sanremo ist mehr als eine Show. Es ist ein Gefühl – italienisch, herzlich, und jedes Jahr ein kleines Stück Magie.